Ich versus Selbst
Der lebenslange Tanz
„Ich und Selbst sind beides hypothetische Systeme. Nirgends ist bewiesen, dass es sie wirklich gibt. Trotzdem helfen uns diese Begriffe sowohl im Alltag, als auch in der psychologischen Theorie, unsere inneren Vorgänge besser zu verstehen und umzuschreiben“, meint Barbara Küchler, eine schweizer Beraterin und Entwicklerin des sog. Stufenmodells. Wir schließen uns ihr mit all unserem gelernten Wissen und der erfahrenen Weisheit an.
Maaz, ein renommierter Tiefenpsychologe, und Kuhl, der für sein Lebenswerk in der Persönlichkeits-forschung ausgezeichnet wurde, nur um einmal zwei Personen zu nennen, die sich intensiv mit der Unterscheidung von Ich und Selbst auseinander gesetzt haben, unterscheiden für uns folgendermaßen:
Das Ich ist unser bewusstes Selbstkonzept. Es ist stark mit unserem analytisch-konzeptionellen Denken verhaftet. Es ist gemacht, erworben und zeigt unser objektivierbares Verhalten. Es hat die starke Tendenz, das bestehende Selbstkonzept, die soziale Fassade und Maske, beizubehalten. Alles, was der aktuellen Handlungsabsicht widerspricht, wird unterdrückt. Es ist autonom, kämpfend, aber auch verbindend. Im jeden Falle ist es auf Wirkung im Außen und in der Interaktion gerichtet.
Das Selbst basiert hingegen auf unserem authentischen Erleben. Es ist schutzbedürftig, würdevoll und in jedem Moment integer. Es ist in sich ruhend und auf das allgegenwärtige Sein bezogen. Das Selbst fungiert innenorientiert: Unsere inneren Vorgänge werden permanent integriert und reguliert. Es ist in unser Nervensystem des Körpers eingebunden und fungiert ganzheitlich-intuitiv über unser Fühlen. Das Selbst ist uns essentiell gegeben. Es ist nicht erworben und gemacht, sondern es ist uns von Anfang an als unsere wahre Essenz geschenkt. Es ist unser Wesenskern, unser „Ur-Bild“ und drückt sich in jedem Moment in unserem authentischen Erleben aus.
Im Laufe des Lebens nehmen die Entwicklung des Ichs und die Entfaltung des Selbst verschiedene Verläufe: Wir kommen mit unserem Selbst auf die Welt. Sehr schnell lernen wir aber, dass dieser sehr schutzbedürftige, wahre Kern, geschützt werden darf. Unser Ich übernimmt diese Aufgabe und entwickelt sich durch Anpassungsleistungen hin zu einem sehr starken Ich.
Leider verselbständigt sich diese Funktion und entartet somit zum Ego. In der Lebensmitte besteht zumeist eine sehr große Diskrepanz zwischen Ich und Selbst. Diese spüren wir in unserem gesamten Organismus, auf Kosten unserer körperlichen oder seelischen Gesundheit.
Und wir fragen uns immer öfters; „Wozu?“ Eine neue Sehnsucht erwacht: Zu erfahren, wer wir in Wahrheit sind. Ist das erkannt, bewegen wir uns in der zweiten Lebenshälfte weg vom Ego hin zu unserem wahren Selbst. Es geht schließlich für mich darum, „Ganz Ich-Selbst zu Sein!“
Die zweite Lebenshälfte: Wenn das Ich dem Selbst Platz macht
Kennen Sie das Gefühl, alles „richtig“ gemacht zu haben, und sich trotzdem leer zu fühlen? In der ersten Lebenshälfte sind wir Meister der Top-Down-Kontrolle. Wir haben gelernt, unser kognitives Denken (das Ich) zu nutzen, um Rollen zu erfüllen, Karriere zu machen und Sicherheit aufzubauen. Wir funktionierten nach Plan. Doch irgendwann in der Mitte des Lebens klopft etwas anderes an. Es ist der Sense – eine körperliche Unruhe, eine Enge oder eine Sehnsucht, die sich nicht mehr wegdenken lässt.
Nach der Entwicklungspsychologin Jane Loevinger erreichen wir nun eine entscheidende Schwelle. Es ist der Übergang von der konventionellen Anpassung zur autonomen Integration.
In meinem Modell Imagine-Sense nennen wir diesen Moment den Ruf zur vertikalen Reife:
Das Ich lässt los: Wir erkennen, dass starre Kontrolle uns nicht mehr weiterbringt. Wir wagen es, den „Gedankenraum“ leer zu machen. Das Selbst übernimmt die Führung: Wir lauschen dem Imagine – jenen tiefen inneren Bildern und Visionen, die schon immer da waren, aber vom Lärm des Alltags übertönt wurden.
Der neue Tanz: Wir werfen unseren Verstand nicht weg, aber wir befördern ihn zum Partner. Er dient nun der Verwirklichung dessen, was die Seele (das Selbst) wirklich will.
Die Krise als Einladung
Die Krise der Lebensmitte ist kein Defekt. Sie ist die Einladung deines Wahren Selbst, den Fokus von außen nach innen zu richten. In der Kunsttherapie machen wir diesen Prozess sichtbar. Wir geben der neuen Richtung eine Form, eine Farbe, einen Ausdruck.
Es ist nicht das Ende deiner Geschichte. Es ist der Beginn deiner Lebenskunst.